Fracking – Rettung der Energieversorgung oder unrentabler Unsinn?

Bild: Stopp Fracking, Piratenpartei Schleswig-Holstein

Energiebeauftragter PP Bayern:

Die Angst geht um im Abendland. Politische Akteure scheuen sich nicht, Ängste und Befürchtungen von Menschen gezielt anzusprechen. Ich verabscheue diese Methoden. Deswegen gehe ich in diesem Beitrag weder auf die Energieabhängigkeit Europas von Russland noch auf die Gefahren, die durch Fracking für unseren Lebensraum entstehen, ein.

Als Energiepolitiker und Pirat verbinde ich zwei Sichtweisen miteinander.

Die physikalisch-wirtschaftliche und die politische. Der politischen Sicht liegt der Wert Freiheit zu Grunde. Als Pirat wünsche ich mir grundsätzlich die Freiheit, Fähigkeiten zu entwickeln, zu forschen, Ressourcen zu nutzen und mich selbst zu entfalten. Von daher kann ich eigentlich niemals ein pauschales Verbot für Fracking oder eine andere Technologie aussprechen.

Doch schränkt genau das meine Freiheit an anderer Stelle ein. Ich will nämlich auch Freiheit von Manipulation, von rechtlicher oder wirtschaftlicher Übervorteilung, davon, dass die Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen (=Demokratie) durch Geheimhaltung von Wissen, Fakten etc. verwehrt wird.

Das bedeutet in der Konsequenz: Der Pirat will umfassende Transparenz, um Entscheidungen auf Basis von Belegen, Beweisen und Fakten treffen zu können. Wo dies nicht möglich ist, bleiben nur nachprüfbare Indizien.

Als Pirat geht es mir um Freiheit. Den zentralen Wert, mit dem in unserer Partei alles begonnen hat. Der absolute Schutz von Grundrechten, Menschenrechten und Bürgerrechten ist und war der entscheidende Ansatz aller Menschen mit liberalem politischen Bewusstsein. Zu diesem Wunsch nach Freiheit gehört auch die Emanzipation von Dogmen und Denkmustern, die von Vordenkern und Meinungsmachern seit Menschengedenken als Glaubenssätze reproduziert werden und für die Gehorsam eingefordert wird. Dies war schon so in der Antike, setzte sich nahtlos fort in verschiedenen Religionen und findet seine Fortführung in der Dogmatik der allermeisten Parteien, gerade wenn wirtschaftliche Interessen berührt werden.

Das Hauptaugenmerk der Umweltpolitik unserer Partei im Bereich Energie liegt auf dem Emissionsschutz. Eine Diskussion über die Plausibilität der Erderwärmung ist für den Energiepolitiker nachrangig und Zeitverschwendung. Das können und machen andere besser. Wir wissen, dass Frackinggas auf der Emissionsseite eine ca. 25 % höhere Emissionsrate an Klimagasen hat als Braunkohle. Das genügt uns, um Alternativen den Vorzug zu geben.

Der erste Aspekt bei der Beurteilung der Fracking-Methode ist die Prüfung der technischen Machbarkeit, dann der wirtschaftliche Aspekt und die nachhaltige Ergiebigkeit der Ressource.

Wir wissen, dass Fracking technisch machbar ist. Grundsätzlich gibt es dabei zwei technische Verfahren: Das hydraulic fracturing, bei dem Gesteinsschichten durch gezielte, massive Druckerhöhung mittels Flüssigkeiten aufgesplittert werden, um darin enthaltenes Gas freizusetzen. Als techniknaher Energiepirat weiß ich auch von den sehr erfolgreichen Versuchen in Südfrankreich, dieses Aufbrechen durch gezielte elektrische Entladung zu bewerkstelligen (elekrohydraulisches Fracking). Diese Methode kommt ohne Chemikalien aus, womit natürlich eine Reihe umweltpolitisch motivierter Argumente gegen Fracking ausgeräumt wären.

Wirtschaftlichkeit von Fracking

Als politisch auf Nutzen und Sinnhaftigkeit bedachter Energiepirat will ich nun noch wissen: Lohnt es sich in wirtschaftlicher Hinsicht?

Der generelle Ansatz von Wirtschaftlichkeitsberechnungen geht von zehn Jahren Amortisationszeit aus. Dieser Ansatz entspricht dem der Finanzwirtschaft, bei dem man sich an dem maximal zu erzielenden Profit orientiert.

Der alternative, modernere Ansatz geht von den Lebenszykluskosten einer Investition aus. Also der Frage, ob die Investition sich innerhalb ihrer zu erwartenden Lebensdauer komplett refinanziert und ob sie gegebenenfalls sogar noch eine Rendite erwirtschaftet. Dieser Ansatz wäre der marktwirtschaftlich und gesellschaftlich sinnvollste.

Für das Fracking bedeutet das:

Entweder erwarten Investoren, dass sich ein Frack in zehn Jahren amortisiert, sprich mit dem erzielbaren Marktpreis der Ressource Kosten und Gewinne wieder hereinspielt, oder dass er so viel Gas oder Öl ausspuckt, dass er sich bis zum Versiegen des Bohrlochs komplett refinanziert und dabei noch eine wunschgemäße Rendite abwirft.

Betrachtet man nun die bisher mit Fracking gemachten Erfahrungen, so stellt man fest: Es erfolgt weder eine Amortisation innerhalb von zehn Jahren noch eine über die Nutzungsdauer des jeweiligen Fracks. Es sind Bohrungen bekannt, die ausreichend Ertrag abwerfen, doch ist ihre Zahl gering. Die meisten verlieren ihre Ergiebigkeit bereits im zweiten oder dritten Jahr. Neueren Studien zufolge sank die Ausbeute der untersuchten Bohrungen in den wichtigsten Shale-Gas-Förderregionen nach drei Jahren auf 5 – 20% der anfänglichen Fördermenge. Dann muss nachgefrackt werden, um das Produktionsniveau auf 60 % der ursprünglichen Menge zu halten. Entsprechend wird die Mehrzahl der Bohrlöcher nach kurzer Zeit stillgelegt, und es werden einfach neue Löcher gebohrt.

Hinzu kommt, dass nur bis zu 15 % des in einer Formation vorhandenen Gases nutzbar sind. Gerechnet wird aber mit 100 %; dieser Wert liegt allen Kalkulationen zugrunde.

Selbst Wall-Street-Analysten bezeichnen Shale-Gas-Fracking als unrentabel.

Die Dynamik solcher “Goldgasräusche” im US-Wirtschaftssystem ist immens. Wegen der vielversprechenden Prognosen fällt es den Energieerzeugern leicht, Geld an den Börsen zu sammeln. Dadurch wird die Frackinggasgewinnung künstlich und unkontrolliert aufgebläht. Dies führt zu Überproduktion und Überangebot und damit letztlich zu Preisverfall.

Rex Tillerson, CEO bei dem Energiekonzern Exxon, äußert sich hierzu sehr eindeutig : “We are all losing our shirts today. We’re making no money. It’s all in the red.” (Übersetzung: Wir verlieren unser letztes Hemd. Wir verdienen kein Geld, sondern schreiben rote Zahlen).

Da wir in Kontinentaleuropa leben und es hier unüblich ist, Projektgelder zu beschaffen, indem man kleinere Shareholder-Anteile einsammelt, wird die interessierte Finanzindustrie wie üblich vorgehen und versuchen, Steuergelder von der Regierung zu erhalten. Derartige Deals werden hinter verschlossenen Türen verhandelt. Wie im Fall von Atom– und Kohlekraftwerken werden die im Vorfeld liegenden Kosten vom Staat finanziert und den Investoren Ertragsgarantien gewährt. Es geht um rentable Geschäftsmodelle ohne Risiken. Umwelt– und Verbraucherschutzfragen spielen hierbei nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle.

Dies erwartet uns auf der volkswirtschaftlichen Seite, wenn wir Fracking betreiben:

  • Wir werden mit einer Technologie konfrontiert, die unwirtschaftlich ist.
  • Die Rentabilität für die Prospektoren wird nur durch massive staatliche Subventionen erreicht.
  • Wir werden über Steuern und Gebühren oder Abgaben mit Refinanzierungskosten belastet, die diese Förderungsmethode wirtschaftlich machen und damit überhaupt erst ermöglichen.
  • Das geschäftliche Risiko wird unfreiwillig von den Steuerzahlern übernommen.
  • Wegen der oben beschriebenen versteckten Subvention dieser Technik durch staatliche Förderung und sonstige vom Bürger zu entrichtenden Abgaben bezahlt der Verbraucher beim Kauf von Frackinggas nicht den wirklichen Gaspreis, denn in diesem Fall würden wir selbst nach Alternativen suchen.
  • Wir werden weniger von relativ preisgünstigen natürlichen Ressourcen aus dem Ausland abhängig sein, dafür aber in die Abhängigkeit von einer weiteren massiv von Subventionen lebenden Konzernlobby getrieben – wie dies schon bei der Atomkraft der Fall ist.

Fazit

Fracking lohnt sich nicht. Wenn man den Aufwand des Nachfrackens berücksichtigt, erreicht die Ergiebigkeit der Quellen mit Glück gerade ein Viertel des Erwarteten. Der Preis für das Gas müsste deshalb mindestens bei ca. 8 US-Cent ab Bohrloch liegen. In Europa sind die Bedingungen nicht anders, aber das Preisniveau höher. Dabei ist der Effekt der aktuell wegen des Überangebots verfallenen Preise noch gar nicht berücksichtigt. Damit sollte die Diskussion eigentlich schon beendet sein. Ziehen wir die Umweltfolgen – unabhängig von ihrem Plausibilitäts- und Realitätsgehalt – in Erwägung, so bin ich der Auffassung, dass Fracking unter Auflagen und bestimmten Voraussetzungen durchaus zugelassen werden kann. Diese sind:

  • keinerlei Beihilfen, Subventionen oder direkte Investitionen aus Staatsmitteln,
  • keine staatlichen Garantien für Eigenkapital und Renditen,
  • verpflichtende Haftpflichtversicherung für die gesamte Betriebsgefahr vom Beginn der Bohrung bis zum abgeschlossenen Rückbau,
  • Rücklagefonds und Versicherung für Folgeschäden.

Sollten diese Voraussetzungen erfüllt sein und Fracking dennoch rentabel durchgeführt werden können, wird es ohnehin zum Einsatz kommen.

Bis dahin bleibt es unrentabler Unsinn.

Symbolbild: Logo Stoppt Fracking, Piratenpartei Schleswig-Holstein


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Thomas Blechschmidt

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Thomas ist Bezirksvorsitzender in Schwaben und Energiebeauftragter im Landesverband Bayern.