Können Sie das belegen? Die Tricks rechter Kommentatoren

Hausbrand | CC BY 2.0 Ada Be

Artikel von Michael Renner erschienen auf der Flaschenpost

Purer Hass | CC BY 2.0 Acid Pix

Purer Hass | CC BY 2.0 Acid Pix

Es sind stets die selben Themen, für die Rechte, besorgte Reichsbürger und freidrehende Berufsnörgler in Kommentarbereichen der Onlinezeitungen aktiv werden: Flüchtlinge, kritische AfD- oder Putinartikel, Pegida selbst und natürlich alles zur Europäischen Union. Wer den Pöbeleien widerspricht findet sich schnell in einer nicht endenden Diskussion wieder. Dabei spielt sich ständig das gleiche Schema ab. Wir haben einige Kommentartricks zusammen getragen. Die meisten folgen dem Motto “Wer fragt führt”, um das Gegenüber in Rechtfertigungsnot zu bringen oder zu Erklärungen zu zwingen.

Können Sie das belegen?

Natürlich kann nicht alles belegt werden was als “eigenes Wissen” in einen Kommentar fließt. Für manches lässt sich ein Link finden, anderes existiert nur im Gedächtnis – was es jedoch nicht unwahr macht! Es ist fast putzig, dass rechte Forumsteilnehmer Belege für eine Aussage verlangen während sie selbst eine gut dokumentierte geschichtliche Wahrheit leugnen.

Früher habe ich die selbe Partei wie Sie gewählt

Ob die Aussage stimmt wissen wir nicht. Der Gedanke dahinter ist aber klar: Nähe herstellen, eine Entwicklung auf Basis von Beobachtungen und Überlegungen andeuten und daraus dann ein “Wenn du nachdenkst, wirst auch du Rassist”. Ich stelle mir dabei immer einen 16-jährigen Hauptschulabbrecher an der Tastatur vor, der behauptet früher eine demokratische Partei gewählt zu haben, während hinter ihm leere Flaschen, alte Lappen und Benzinkanister stehen.

Sehr mutig, das mit Klarnamen und dem eigenen Foto zu behaupten

Was zuerst wie ein Lob klingt wird muss als versteckte Drohung verstanden werden. Geht mein Wagen bald in Flammen auf? Erwarten mich morgen früh glatzköpfige Hooligans mit Baseballschlägern an der Haustür oder liegt wenigstens in den nächsten Tagen im Briefkasten ein Schreiben eines Anwalts, in dem von Beleidigungen und Ehrabschneidendem die Rede ist? Doch keine Sorge. Die meisten rechten Kommentatoren sind Salonrassisten und bekommen den Hintern nicht hoch. Das kann, leider muss das einschränkend ergänzt werden, in Sachsen und Dortmund anders sein.

Woher wissen Sie, dass Nazis das Feuer legten?

Tatsächlich stellt sich die Frage ob es einen Unterschied macht, ob Nazis ein Feuer legten, Rassisten es taten oder – ist das wirklich die harmlose Variante? – “nur” besorgte Bürger? Bemerkenswert, dass die von besorgter Seite häufig gestellte Frage (auch hier wieder: Wer fragt führt!) “Wo sollen die ganzen Asylanten (sic!) denn hin?” leichter zu beantworten wäre, wenn besorgte Rassistennazis aufhörten, deren Unterkünfte anzuzünden!

So einen Unsinn habe ich noch nie gehört!

Wenn nichts anderes geht, wenn einer klaren Aussage nicht zu widersprechen ist, greift der Herr Rechtspopulist gerne zur fundamentalen Abkanzlung. Der Vorteil liegt auf der Hand: Jede Menge eingesparte Zeit für letztlich fruchtlose Diskussionen. Der Nachteil: Der Nazi behält das letzte Wort.

Ist Ihnen überhaupt bewusst, was Sie für einen Stuss von sich geben?

Der von sich gegebene Stuss ist der kleine Bruder des gehörten Unsinns. Mit einem Unterschied: Das Fragezeichen am Ende. Er lädt dazu ein, seine Position zu begründen, zu erklären, mit vielen Worten die Sinnhaftigkeit zu beschreiben. Das wird zwar beim Adressaten nicht ankommen, gibt beim Kampf um die Lufthoheit im Kommentarbereich aber Punkte.

Schlafen Sie weiter

Nichts hassen Extremisten mehr als gemäßigte Positionen. Gegen gegensätzliche Extreme lässt sich leicht meckern, gegen die politische Mitte fällt das schwerer. Wer abwägt, mehrere Seiten betrachtet oder gar komplexe Lösungen in Betracht zieht, überfordert so manchen rechten Kommentator intellektuell – was nicht selten zum Abbruch der Diskussion führt. Ein klarer Sieg für alle die sagen: “Der Bürgerkrieg steht nicht vor der Tür!”. Ein klarer Sieg für die Vernunft!

Sie mit Ihrer Einstellung sind Schuld daran, dass es Rechte gibt

Nice try, soll ich tatsächlich den verzapften Unsinn unwidersprochen stehen lassen in der Erwartung, dass ohne Gegenrede der braune Spuk von alleine verschwindet? Sicher nicht! Die Behauptung ist ein schwacher Versuch Gegner davon abzuhalten ihre Meinung kund zu tun. Davon abgesehen wird hier Ursache und Wirkung verwechselt. Zuerst hatten braune Horden die Innenstädte und Kommentarbereiche überflutetet. Erst spät formierte sich Widerspruch. Aber die Betonung der eigenen Opferrolle, “Ich bin nur Nazi geworden, weil ich mich gegen Leute mit gemäßigten Einstellungen wehren musste” ist schon allerliebst. Der Satz “Die AfD ist eine Schöpfung von Leuten wie Ihnen. Durch derartig Forderungen wie den Ihrigen radikalisieren Sie andere nur” gehört in die selbe Kategorie. Danach wäre nicht der Extremist der Extreme, sondern der, der sich wenigstens in Schriftform der gallopierenden Menschenverachtung entgegen stellt. Nach kurzem Nachdenken kann ich sagen: Nein, das ist falsch!

Der Nationalsozialismus war ein Sozialismus

Schwarz ist rot und plus ist minus? Nein, hinter dem Versuch die Nazis der Jahre 33-45 als “links” darzustellen, steckt mehr als der Versuch, das Gegenüber zu verwirren. Es ist der Versuch, “links” auf eine Stufe mit der NSDAP zu stellen und “rechts” geschichtlich unbelastet aussehen zu lassen. Natürlich ist das Quatsch – und kann in der folgenden Diskussion auch gut begründet werden.

Wahrscheinlich steckt hinter den Rechtfertigern des rechten Mobs keine große Organisation, kein “Dachverband der rassistischen Kommentatoren”. Sicher werden sich einige der Damen und Herren Onlinerassisten untereinander kennen, gerade in Wahlkampfzeiten entsteht durch die schiere Menge an pro-rechten Kommentatoren auch der Eindruck, dass die eine oder andere bezahlte Arbeitskraft hier Stellung bezieht. Da alle in der selben kruden Gedankenwelt leben und sich die Strategien ähneln, ist Widerspruch leicht.


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Michael Renner

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