31C3 – A new dawn

Eingang des 31C1 | CC BY 2.0 Borys Sobieski

Ein Gastartikel von H3rmi erschienen auf der Flaschenpost.

Rocket in front of the CCH during the 31st Chaos Communication Congress (31C3) | CC BY NC SA 2.0 Gregor M. Dutz

Rocket in front of the CCH during the 31st Chaos Communication Congress (31C3) | CC BY NC SA 2.0 Gregor M. Dutz

Der 31C3 ist vorbei, ich sitze wieder zuhause und lasse die Tage in Hamburg Revue passieren. Ich schließe die Augen und sehe mich selbst wieder im Congress Centrum Hamburg. Am letzten Tag des 31C3 sitze ich mit Mate und Laptop bewaffnet auf einer Couch vor Saal 1, in dem Jacob Appelbaum über den aktuellen Stand des TOR-Netzwerks berichtet. Gelegentlich hört man den Beifall durch die Tür. Chillige Musik dudelt aus einem Lautsprecher. Um mich herum flätzen – genauso wie ich – andere Leute mit ihren Laptops auf Boden, Sitzkissen, Sofas. Ein perfekter Moment, um all die Eindrücke des diesjärigen Kongresses Revue passieren zu lassen und über das kommende Jahr nachzudenken. Was mir bei diesem Kongress auffällt, ist die Anzahl der Besucher: Die Hallen waren schneller voll, die Schlangen länger, der Andrang größer. Man hört mehr Englisch (und auch andere Sprachen) in den Gängen als in den Vorjahren. Das Publikum und auch die Vortragenden sind ganz klar internationaler geworden. Trotzdem das selbe “Wohlfühlgefühl” wie immer. Man ist unter Gleichgesinnten. Für mich als Pirat macht der Kongress sowieso immer ein kleines bisschen Gänsehaut. Hier liegen die Wurzeln dieser Idee, für die ich und viele andere jeden Tag ihr Bestes geben.

Nun soll ich für die Flaschenpost darüber schreiben, was der Kongress für die Piraten bedeutet. Ob wir noch eine Relevanz haben? Ja, verdammt!

Ich saß mit 3.000 anderen Hackern, Geeks und Gleichgesinnten aus der ganzen Welt im selben Saal als Jacob Appelbaum und Laura Poitras – Helden einer internationalen Bewegung – über Methodik von Regierungen und Geheimdiensten und die Bedeutung von Verschlüsselung sprachen. Ich habe gelernt, wie einfach biometrische Authentifizierungsverfahren mit Hilfe einer Handykamera zu umgehen sind. Ich habe James Bamfod applaudiert, der Menschen über illegale und geheime Deals der NSA mit amerikanischen Telekommunikationsdienstleistern aufklärte. Ich habe gehört, wie das damals so war im Teufelsberg.

Die Wurzeln dieser Partei liegen bei dieser Community, die es mit offener, freier Software schafft, sich dem mächtigsten Geheimdienst der Welt entgegen zu stellen, um Menschen zu schützen. Bei dieser Gemeinschaft, die sich gegen diesen Wahnsinn zur Wehr setzt, der unter dem Deckmantel der Sicherheit die Grundrechte aller Menschen beschneidet und mit Füßen tritt.

Jacob Appelbaum sagte am Ende seines Vortrags “Reconstructing narratives – transparency in the service of justice

Recognize your class interests and understand that THIS is the community that you are a part of… at least a small part of, and that we’re in it together. […] We need everybody to do whatever they can to help with these things. It requires everyone and every skill is a value to contribute to that. […] It is this community who can help und can really change things in the rest of the world.

Die meisten von uns sind keine SysAdmins oder Programmierer, aber wir haben uns mit Fleiß, Kreativität, Motivation und Ausdauer in Parlamente und Räte gehackt. Wir sind als Partei mit Abgeordneten in Landtagen und Mandatsträgern auf kommunaler Ebene in der einzigartigen Situation etwas erreichen zu können. 2015 ist das Jahr, in dem wir uns entscheiden müssen… Wollen wir unsere Energie darauf verwenden, uns mit anderen, zum Teil fragwürdigen Gruppierungen auf unzähligen Nebenschauplätzen zu verausgaben? Wollen wir uns innerparteilich weiter bekämpfen und uns über soziale Medien zu beleidigen? Oder wollen wir endlich wieder ein wertvoller Teil dieser Community sein, aus der wir hervor gegangen sind und als einzige Partei dem ausufernden Überwachungsstaat konsequent den Kampf ansagen? Wir werden gebraucht!


Kommentare

7 Kommentare zu 31C3 – A new dawn

  1. Andreas schrieb am

    Hey H3rmi,

    noch nie auf einem CCC-Kongress in HH gewesen habe ich mich gefragt, ob es uns um Schutz von Menschen geht, wenn wir Tor propagieren und ich lesen muss, dass auf dem Kongress wohl gesagt wurde, dass 4/5 des darüber abgewickelten Verkehrs eine Beziehung zu Kinderpornografie hat. Stimmt das und warum lese ich nichts von diesem Workshop in den Veröffentlichungen. Wenn wir um die Menschen diskutieren: Vergessen wir nicht die Opfer.

    http://www.theverge.com/2015/1/1/7478163/80-percent-of-visits-to-tor-hidden-services-are-related-to-child-porn

    Heldentum ist etwas für das Kino. Ich mag Spiderman, Batman und Donald Duck. Im realen Leben halte ich nichts von Personenkult. Das gilt auch für die von Dir als Helden bezeichneten Menschen.

    Danke für Deine gute Arbeit.

    • Flemm schrieb am

      Hallo Andreas, das bei The Verge verlinkte Paper versucht, den Traffic zu sog. ‘Hidden Services’ zu analysieren (mit fragwürdigen Annahmen & Schlüssen). Dieser Traffic macht nur einen kleinen Bruchteil des Tor-Traffics aus & erlaubt keine Rückschlüsse auf den restlichen Traffic. Die Interpretation ‘4/5 des Tor-Traffics ist KiPo’ ist auf jeden Fall falsch.

      Warum du bei H3rmi nichts von diesem Vortrag bzw. Paper liest? Vielleicht, weil es insgesamt weit über 300 Vorträge und Workshops (zzgl. Wiederholungen) gab? Oder weil H3rmi einfach kein Interesse an einem Vortrag mit dem Titel ‘Tor: Hidden Services and Deanonymisation’ hatte, aus dem das Paper scheinbar stammt?

      Wenn dir das Thema ‘Tor & KiPo’ wichtig ist, dann: Auf nach Hamburg! Im Dezember ist der nächste Congress! VG, Flemm

      • H3rmi schrieb am

        Andreas bezieht sich auf einen Talk vom 31C3 von Dr. Gareth Owen von der University of Portsmouth. Der von ihm verlinkte Artikel ist allerdings nicht die beste Informationsquelle. Übrigens steht da nicht, dass 80% allen Traffics mit Kinderporno zu tun haben, sondern, dass sich das auf die Suchanfragen bezieht. Entsprechende Seiten machen lediglich 2% aus. Eine etwas differenziertere Sicht zur Studie gibt es hier: https://blog.torproject.org/blog/some-thoughts-hidden-services. Oder hier: http://www.heise.de/newsticker/meldung/31C3-Kinderpornografie-im-Tor-Netzwerk-stark-nachgefragt-2507444.html

        Ich bitte inständig darum bei solchen Meldungen erstmal einen kühlen Kopf zu bewahren und sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen anstatt – wie sonst in der Politik üblich – mit einem populistischen “Denkt denn niemand an die Kinder?!” in blinden Aktionismus zu verfallen. Das haben wir bei Zensursula und ihren Internetsperren auch anders gehandhabt. 🙂

    • Ben schrieb am

      Hallo Andreas, in dem verlinkten Artikel steht weiter unten das es um 2% des traffic im Tor Netz geht. Es wird dann auch noch erklärt, daß diese 2% vielleicht auch noch dadurch verursacht werden, daß Polizei und andere staatliche Stellen diese KiPo Seiten im Tor Netz überwachen. Bitte beteilige dich als Pirat nicht daran solche Informationen über Tor zu verbreiten, sie stimmen nicht. Tor ist in Zeiten, in denen das Internet in einzelnen Ländern manipuliert wird, immer öfter eine gute Möglichkeit diesen Manipulationen zu entgehen.

    • st schrieb am

      @Andreas:

      Frank Rieger hat dazu einen sehr interessanten Blogpost veröffentlicht. Zu den Zahlen: Man hätte auch kurz selbst googeln können aber naja: Nur 1,5-2% des Traffics von Tor greift sind Zugriffe auf Hidden Services. Die 80% beziehen sich allerdings nichtmal auf diese Zahl sondern auf eine noch kleinere Untermenge davon (Details kann jeder ja selber nachlesen wenn er lust hat).

      Wenn wir jetzt aufhören Tools zu propagieren die einen Anteil von “missbräuchlichen Gebrauch” im 0,X% oder 0,0X% Bereich haben müssten wir auf eine Menge verzichten.

      Der Workshop hies übrings “Dr Gareth Owen: Tor: Hidden Services and Deanonymisation” und der Grund warum du darum nichts liest ist weil es die 80% Zahl in dem Zusammenhang einfach erfunden wurde…

  2. keiner schrieb am

    Hallo und ein schönes Neues,

    ich finde es immer interessant wenn Piraten der heutigen Generation die Gründungszeit beurteilen. Allerdings finde ich auch, dass man Mythen richtig stellen sollte, damit sich solche Dinge in den Suchmaschienen nicht festbeißen. Die Folge wäre sonst, dass man aus dem Werden / Vergehen der Piratenpartei nicht mehr lernen kann. Das jedoch halte ich für die wichtigste Daseinsberechtigung der realexistierenden Piratenpartei.

    Die Piratenpartei ist kein Ableger aus dem Umfeld des CCC. Die Anfangsverbindungen dorthin waren sehr schmallbandig. Auf dem Kongress von 2006 war lediglich C.Strassen als Vortragender zu einem Lightning anwesend. Ein etwas “exponierteres” CCC Member war wetter. Das entspricht 1 von 54 Gründungsmitgliedern. Wetter trat nach 2 Monaten aus der Piratenpartei aus.

    Die Mehrzahl des Umfeldes der Gründungszeit wurde vielmehr durch jeweils einen Heiseartikel vor und nach der Gründung aktiviert. Gelesen wurde Heise keineswegs nur von Techis. Jeder jüngere Zeitgenosse der sich an den neuesten Scheißhausparolen des Innenministeriums erfreuen wollte hat dieses Medium genutzt.

    Auch in der Folgezeit waren die Kontakte zwischen CCC und Piraten oft distanziert und Kontaktversuche gingen relativ einseitig von den Piraten aus. So arbeitete man erst beim AKV unter gleicher Flagge gegen die VdS zusammen. 2007 durfte dann immerhin für 5 min eine Piratenfahne auf dem C3 / der Hauptbühne während des Jahresrückblickes gehißt werden. Das war eine erste offizielle Anerkennung, – über ein Jahr nach der Gründung. Dennoch blieb der CCC immer seiner eigenständigen Linie treu und hat beispielsweise vollständig eigene, unbesprochene Vorschläge zum Urheberrecht auf die Presse abgeschossen. Nicht unbedingt zur Freude der Piraten. Erst gegen 2009 kam Maha dazu und denn Rest kennt ihr selbst.

    Man kann zusammenfassen, die politische Ausrichtung ist in Bezug auf Netzpolitik identisch, die personellen und aktiven Strukturen sind jedoch marginal und sorry “Propaganda”.

    Thx

  3. Stinne Skarsgard schrieb am

    Zu den vorgeblichen oder tatsächlichen Verbindungen vom CCC und den Piraten kann ich vielleicht ein kleines schlaglicht werfen: Ich habe die Erfahrung gemacht das es, vor allem bis zu den Problemen mit den Gender-Trollen und den sichtbar werdenden Linksradikalen, eine größere Menge von Sympathisanten beim CCC gab.

    Das hat sich dann geändert, nicht nur wegen CreeperCards, Spackeria, AntiFa und RadFemen.

    Ansonsten müsste man mal gucken wie viele parallele Mitgliedschaften bestanden und bestehen ( was sich verbietet) um sagen zu können da wäre fast alles nur Propaganda – wobei ich diese Position nachvollziehen kann, auch aus Gründen der öffentlichen Wahrnehmung des CCC.

    Stinne

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Stephanie Schmiedke

Kontakt

Stephanie Schmiedke, Generalsekretärin der Piratenpartei, kam 2009 wegen des Terrorismusbekämpfungsgesetzes zu den PIRATEN.