Reisewarnung für Deutschland

18.05.92 Aschau im Chiemgau 798.652 | CC BY SA 2.0 Phil Richards

Beitrag von Michael Renner erschienen auf der Flaschenpost

Gleis | CC BY SA 2.0 Thomas Kohler

Gleis | CC BY SA 2.0 Thomas Kohler

Das Schönste an Deutschlands Personenverkehr sind die Hochglanzprospekte. Dort lächelt der Zugchef, das Flugzeug steigt steil in die Luft, unter der Mautbrücke staut sich keine Blechlawine und der Mietwagen wirkt schnittig. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Bahnfahrer kennen das Wechselspiel aus Stellwerkstörungen, fehlenden Fahrdienstleitern, hohem Personenaufkommen, verpassten Anschlusszügen und Zugausfällen. Im Flugverkehr geht es kaum pünktlicher zu. Dazu kommt im Jahr 13 des internationalen Terrors die Notwendigkeit aufwändiger Personen- und Gepäckkontrollen, was die Abfertigung zusätzlich verzögert. Auch auf den Autobahnen geht es kaum voran. Zwischen den verschiedenen Geschwindigkeitsbegrenzungen, den Baustellen, den Staus und den Vollsperrungen lohnt es nicht, den Tempomaten einzustellen. Wer streikenden Lokführern und Piloten ausweichen will und auf einen Mietwagen setzt, muss früh aufstehen, um den reservierten und bezahlten Wagen tatsächlich zu bekommen. Das 30 Jahre alte Wort der Servicewüste besitzt noch immer seine Gültigkeit, wenn am Hbf in München mit seinen täglich bis zu 450.000 Reisenden die Autovermieter um 21 Uhr die Türen schliessen – und die vereinbarte Übergabe des reservierten Wagens zwecks der Pünktlichkeit auf den nächsten Tag verschoben wird.

Reisen in Deutschland erfordert Bescheidenheit und Geduld. Die Infrastruktur, der gute Ausbau der Verbindungswege zerfällt zusehens. Kaum ein Bahnhof oder eine U-Bahnstation, in die es nicht hineinregnet – den 2006 eröfneten Hauptbahnhof in Berlin eingeschlossen. Kein Autobahnabschnitt ohne Strassenschäden, keine Brücke ohne bedenklichen Rost. Da reihen sich streikende Bahnangestellte nur ein in die Gruppe derer, die für die Missere verantwortlich sind: gewaltbereite Ministerpräsidenten, geltungsbedürftige Minister, narzisstische Bürgermeister und unfähige Bauplaner. All denen ist der Zustand der Strasse oder der Schiene letztlich egal. Sie schielen auf die Lohntüte, das Wohl gutvernetzter Interessengruppen, das Blitzlichtgewitter beim ersten Spatenstich oder das warme Gefühl zu den “Entscheidern” zu gehören. Alles andere wird diesem Streben untergeordnet – und wenn es in den Bahnhof regnet, werden Auffangeimer gekauft statt die undichte Stelle zu reparieren. In kaum einem anderen Land wird so dreist geflickt und gepfuscht wie hierzulande.

Streikende Lokführer werden, auch nach Ende des Ausstands, die Reisenden nicht pünktlicher ans Ziel bringen. Im Kielwasser der Streiks schwimmen aber politisch wirre Vorstellungen wieder an die Oberfläche: Von der Einheitsgewerkschaft bis zur Verschärfung des Streikrechts werden, von links nach rechts Vorschläge aus der Mottenkiste der Geschichte geholt. Am Ende könnte es darauf hinaus laufen, dass niemand mehr Geld in der Tasche hat und auch den Reisenden nicht geholfen ist. Das würden aber nur die Reisenden selbst merken.

In England legten die Eisenbahnergewerkschaften das Land in den 70-er Jahren mit endlosen Streiks für unsinnige Forderungen lahm. Güter blieben liegen, an Reisen war nicht mehr zu denken. Maggie Thatcher versprach die Macht der Gewerkschaften zu brechen und wurde zur Premierministerin gewählt. Am Ende ihrer Amtszeit gab es faktisch keine Gewerkschaften mehr. Die Bahnen selbst waren filetiert, privatisiert und mangels notwendiger Investitionen meist noch weniger fahrbereit als in den Zeiten der vielen Streiks. Geholfen hat dies alles nur denen, die Hochglanzprospekte in Auftrag geben.


Kommentare

Ein Kommentar zu Reisewarnung für Deutschland

  1. Schade, dass wir nicht öfter etwas von dir lesen dürfen. Wäre toll, wenn die Artikel der Flaschenpost und der Bundes-Website bald zur Einbettung in die Kreis-, Bezirks- und Landes-Websites zur Verfügung stehen würden. Dann würden viel mehr Menschen erreicht und es gäbe nicht so viele „tote Sites“. Danke für den schönen Artikel!

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Michael Renner

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